Donnerstag, 02.10.2014

Krankheitskosten

Zu den steuerlichen Krankheitskosten gehören alle selbst getragenen Aufwendungen, die der Heilung oder Linderung einer Krankheit dienen (BFH-Urteil vom 18.6.1997, III R 84/96, BStBl. 1997 II S. 805), nicht jedoch Aufwendungen zur Vorbeugung gegen Krankheiten oder zur Erhaltung der Gesundheit (z.B. Massagen). Es ist gleich, ob Ihnen diese Aufwendungen für sich selbst, Ihren Ehegatten oder Ihre Kinder, für die Sie Kindergeld bzw. die Freibeträge erhalten, entstehen. Krankheitskosten im Zusammenhang mit einem Arbeitsunfall, Wegeunfall oder einer Berufskrankheit sind Werbungskosten oder Betriebsausgaben. Gleiches gilt für die Kosten einer krankheitsbedingten Umschulung (BFH-Urteil vom 4.12.2002, VI R 120/01, BFH/NV 2003 S. 255).

Nur solche Aufwendungen können Sie steuerlich ansetzen, die nicht durch Erstattungsleistungen von dritter Seite gedeckt sind, z.B. von Krankenversicherung, Unfall- und Rentenversicherungsträger oder durch steuerfreie Beihilfen des Arbeitgebers (ggf. gekürzt um die »Kostendämpfungspauschale«), nicht aber Schmerzensgeld. Auch solche Erstattungen müssen Sie berücksichtigen, die Sie erst in den folgenden Jahren erhalten. Sollte die Höhe der Erstattung noch nicht feststehen, kann Ihr Steuerbescheid in diesem Punkt vorläufig ergehen. Wenn Sie aber auf die Kostenübernahme durch Ihre Krankenversicherung verzichten, um eine höhere Beitragsrückerstattung zu erhalten, werden Ihre Kosten in Höhe des Verzichts steuerlich nicht anerkannt (FG Hamburg vom 26.8.2004, VI 167/02, EFG 2005 S. 444). Ein Selbstbehalt schadet aber nicht. Sind Sie von Ihrer Krankenkasse nicht von Zuzahlungen befreit, dürfen Sie Ihren Eigenanteil zumindest bei den außergewöhnlichen Belastungen ansetzen.

Leistungen aus einer Krankenhaustagegeldversicherung müssen Sie nur auf die durch den Krankenhausaufenthalt entstandenen Kosten anrechnen, nicht jedoch auf die übrigen Krankheitskosten. Leistungen aus einer Krankentagegeldversicherung mindern Ihre Krankheitskosten gar nicht (BFH-Urteil vom 22.10.1971, VI R 242/69, BStBl. 1972 II S. 177).

Ihre Krankheitskosten tragen Sie in Ihrer Steuererklärung im Mantelbogen auf Seite 3 in der Zeile »Andere außergewöhnliche Belastungen« ein. Davon zieht das Finanzamt noch die zumutbare Eigenbelastung ab, sodass nur der Restbetrag steuerlich wirksam wird.

Ohne ärztliche Verordnung geht nichts

Soll das Finanzamt Ihre Krankheitskosten berücksichtigen, müssen Sie die Kosten belegen (durch Quittungen, Rechnungen usw.). Außerdem müssen Sie durch eine ärztliche Verordnung (Rezept, Attest) die medizinische Notwendigkeit nachweisen. Bei einer andauernden Erkrankung mit anhaltendem Verbrauch bestimmter Arznei-, Heil- und Hilfsmittel reicht die einmalige Vorlage einer Verordnung (R 33.4 Abs. 1 EStR 2008). Wurde die Notwendigkeit einer Sehhilfe durch einen Augenarzt festgestellt, genügt die Folgerefraktionsbestimmung durch einen Augenoptiker.

Bestehen beim Finanzamt Zweifel an der medizinischen Notwendigkeit Ihrer geltend gemachten Krankheitskosten, müssen Sie ein ärztliches oder sogar ein amtsärztliches Attest bzw. eine Bescheinigung des medizinischen Dienstes Ihrer Krankenversicherung oder eine vertrauensärztliche Bescheinigung der für Beamte zuständigen Beihilfestelle vorlegen können (R 33.4 Abs. 1 EStR 2008). Dieses Attest muss ausgestellt sein, bevor Sie eine Therapie beginnen bzw. bevor Sie Medikamente oder Hilfsmittel usw. kaufen. In seltenen Fällen kann auch ein nachträglich ausgestelltes amtsärztliches Attest ausreichen (BFH-Urteil vom 15.3.2007, III R 28/06, BFH/NV 2007 S. 1841). Gemäß § 64 EStDV sind die Gesundheitsbehörden verpflichtet, Ihnen die für steuerliche Zwecke erforderlichen Atteste auszustellen und Ihnen - nicht dem Finanzamt - auszuhändigen.

Medizinische Behandlung und Krankenhausaufenthalt

Die von Ihnen getragenen Aufwendungen für die Behandlung durch einen Arzt (Allgemeinmediziner oder Facharzt), Zahnarzt oder einen Heilpraktiker zur Diagnose, Heilung oder Linderung einer Krankheit und ihrer Folgen oder zur Verhütung der Verschlimmerung einer Krankheit (§ 27 SGB V) sind normalerweise als Krankheitskosten abziehbar (BFH-Urteil vom 15.9.1999, III R 46/97, BStBl. 1999 II S. 761). Für Tierarztkosten (FG Rheinland-Pfalz vom 5.12.2006, 6 K 2079/06) gilt dies aber nicht, für Kosten einer Sterilisation (FG Berlin vom 4.9.1990, V 233/89, EFG 1991 S. 129) oder einer Abtreibung nur bei Vorliegen medizinischer Gründe. Der Eigenanteil von Beihilfeempfängern an ihren Arztrechnungen sowie die Praxisgebühr von € 10 sind absetzbar.

Auch Aufwendungen für einen medizinisch notwendigen Krankenhaus- oder Fachklinikaufenthalt gehören zu den Krankheitskosten. Entscheiden Sie sich für die Unterbringung im einem Einzelzimmer mit Chefarztbehandlung oder wählen Sie ein auswärtiges Krankenhaus, muss das Finanzamt den Abzug der Kosten trotzdem zulassen.

Die Kosten einer Dialysebehandlung gehören zu den Krankheitskosten. Bei behinderten Menschen sind allerdings nach Auffassung der Finanzverwaltung die laufenden Kosten mit dem Behinderten-Pauschbetrag abgegolten (Verfügung der OFD Frankfurt vom 24.6.1996, DB 1996 S. 1547).

Die Kosten für Schönheitsoperationen können nur als außergewöhnliche Belastung abziehbar sein, wenn dadurch Missbildungen beseitigt oder psychische Störungen behoben werden. Dies müssen Sie nachweisen durch ein Attest des Amtsarztes, das Sie vor der Operation eingeholt haben (FG Hamburg vom 27.4.2005, II 76/03). Gleiches gilt bei einer operativen Fettabsaugung (BFH-Urteil vom 24.11.2006, III B 57/06, BFH/NV 2007 S. 438). Der Brustaufbau nach einer Amputation zählt immer zu den Krankheitskosten.

Die Kosten für eine psychotherapeutische Behandlung werden vom Finanzamt nur anerkannt, wenn Sie ein vor der Behandlung ausgestelltes amtsärztliches Attest vorlegen können (R 33.4 Abs. 1 EStR 2008).

Die Kosten einer Augenoperation mittels Laser (LASIK) zur Beseitigung einer Fehlsichtigkeit werden auch ohne amtsärztliches Attest als Krankheitskosten anerkannt (R 33.4 Abs. 1 Satz 2 EStR 2008).

Hat Ihr Kind Lernschwierigkeiten und beruhen diese auf einer Krankheit, zählen die hiermit verbundenen Aufwendungen zu den Krankheitskosten. Das ist zum Beispiel der Fall bei einer auf einer Hirnfunktionsstörung beruhenden Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie) oder bei einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS).

Therapien zur Überwindung oder Linderung eine Krankheit - zum Beispiel Krankengymnastik, Bewegungsgymnastik, physikalische Therapien, Beschäftigungstherapie, Heilbäder, Elektrotherapie und medizinische Fußbehandlung - werden als außergewöhnliche Belastung anerkannt, wenn Sie ein vor Behandlungsbeginn ausgestelltes Attest Ihres Arztes oder Heilpraktikers vorlegen, aus dem die medizinische Notwendigkeit zu ersehen ist (R 33.4 Abs. 1 EStR 2008). Für eine Magnetfeldtherapie ist sogar ein vorab ausgestelltes amtsärztliches Attest notwendig (BFH-Urteil vom 20.11.2003, III B 44/03, BFH/NV 2004 S. 335).

Ihre krankheitsbedingten Fahrtkosten zum Arzt oder zur Apotheke sind grundsätzlich nur in Höhe der Kosten für die Benutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels absetzbar (H 33.4 Fahrtkosten EStH 2007). Bestand keine zumutbare Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder konnten Sie vorübergehend nicht laufen, sind auch die Fahrtkosten mit dem eigenen Pkw in Höhe der Reisekostenpauschale absetzbar. Sind Sie nachweislich alters- oder krankheitsbedingt auf eine Begleitperson angewiesen, dann sind auch die Fahrtkosten der Begleitperson abziehbar (BFH-Urteil vom 3.12.1998, III R 5/98, BStBl. 1987 II S. 427).

Bei Fahrten im Interesse Ihres kranken Kindes muss das Kind an der Fahrt selbst teilnehmen. Ein siebenjähriges Kind bedarf auf jeden Fall noch der Begleitung durch die Eltern (FG Köln vom 12.1.1988, 3 K 375/84, EFG 1988 S. 368).

Arzneimittel und medizinische Hilfsmittel

Ihre Aufwendungen für vom Arzt oder Heilpraktiker verordnete Arznei- oder Verbandmittel (§ 31 SGB V) dürfen Sie als Krankheitskosten abziehen (R 33.4 Abs. 1 EStR 2008). Das können zum Beispiel sein: die Zuzahlung bei von der Krankenversicherung bezahlten Medikamenten; der Aufpreis, wenn die Versicherung nur ein günstigeres Medikament bezahlt; ggf. die Gebühr für das amtsärztliche Attest. Als Nachweis, dass die Aufwendungen krankheitsbedingt sind, benötigen Sie ein Kassen- oder Privatrezept Ihres Arztes oder Heilpraktikers (R 33.4 Abs. 1 EStR 2008). Auch nicht rezeptpflichtige, also frei verkäufliche Medikamente, wie allgemeine Stärkungsmittel, Vitaminpräparate, Schmerztabletten oder Nasentropfen, zählen zu den Krankheitskosten. Voraussetzung ist, dass die Medikamente vor dem Kauf vom Arzt oder Heilpraktiker verordnet worden sind.

Aufwendungen für Diätlebensmittel oder andere spezielle Nahrungsmittel (z.B. Soja- statt Kuhmilch-Produkte) sind in gar keinem Fall absetzbar (§ 33 Abs. 2 Satz 3 EStG). Das gilt auch für die Diätverpflegung von Zöliakie-Patienten (BVerfG, Beschluss vom 6.7.2010, 2 BvR 2164/07).

Bei einer unheilbaren Krankheit zählen die Kosten für eine vom Arzt vorgeschlagene Behandlung mit einem in Deutschland nicht zugelassenen Medikament unter bestimmten Voraussetzungen zu den außergewöhnlichen Belastungen (FG München vom 19.12.2001, 1 K 4737/00, EFG 2002 S. 404).

Leiden Sie an einer chronischen Krankheit und benötigen Sie deshalb regelmäßig bestimmte Medikamente (z.B. Kortisonspray bei chronischem Asthma), reicht die einmalige Vorlage einer Verordnung aus, wenn Sie die Krankheit und den chronischen Verlauf gegenüber dem Finanzamt bereits durch ein ärztliches Attest nachgewiesen haben (R 33.4 Abs. 1 EStR 2008). Auf der Apothekenquittung muss dann aber neben dem Medikament auch die Erkrankung angegeben sein (BFH-Urteil vom 5.12.1968, IV 79/65, BStBl. 1969 II S. 260).

Benötigen Sie ein verschreibungspflichtiges Medikament und verweigert die Krankenversicherung nachweislich die Kostenübernahme trotz Verordnung, zum Beispiel bei Schmerzmitteln in überdurchschnittlicher Menge oder Potenzmitteln (Viagra), bezweifelt das Finanzamt die Ursächlichkeit der Krankheit. Dann benötigen Sie ein vor dem Kauf ausgestelltes amtsärztliches Attest.

Für medizinische Hilfsmittel, die nur kranke Menschen nutzen, genügt ein Attest des behandelnden Arztes oder Heilpraktikers, in dem die Notwendigkeit wegen Krankheit bescheinigt ist (R 33.4 Abs. 1, 1. Strich EStR 2008). Dazu zählen z.B. Brillen, Kontaktlinsen (inkl. Pflegemittel), Hörgeräte (inkl. Batterien), orthopädische Einlagen und Schuhe, Rollstühle (inkl. Wartungskosten), Prothesen, Messgeräte für Blutdruck und Blutzucker, Inhalationsgeräte, Haartoupets und Perücken bei krankheitsbedingtem Haarausfall sowie Zahnimplantate (FG Berlin-Brandenburg vom 28.11.2007, 2 K 5507/04 B, EFG 2008 S. 544). Für alle anderen Hilfsmittel - z.B. Bandscheibenmatratze oder ein Bett mit motorgetriebener Oberkörperaufrichtung (BFH-Urteil vom 9.8.1991, III R 54/90, BStBl. 1991 II S. 920) - benötigen Sie ein vorab ausgestelltes amtsärztliches Attest (R 33.4 Abs. 1, 2. Strich EStR 2008). Medizinische Fachliteratur ist nicht abziehbar (BFH-Urteil vom 24.10.1995, III R 106/93, BStBl. 1996 II S. 88).

Alternative Heilmethoden

Handelt es sich um wissenschaftlich (noch) nicht anerkannte bzw. alternative Behandlungsmethoden, verlangt die Finanzverwaltung ein vor Behandlungsbeginn ausgestelltes amtsärztliches Attest (FG Münster vom 16.6.2010, 10 K 1655/09 E). Als nicht wissenschaftlich anerkannt gelten zum Beispiel die Frischzellen- bzw. Trockenzellenbehandlung, die Sauerstoff-, Chelat- und Eigenbluttherapie (R 33.4 Abs. 1 EStR 2008), die Ayurveda-Behandlung (BFH-Urteil vom 1.2.2001, III R 22/00, BStBl. 2001 II S. 543) sowie die Magnet-Resonanz-Therapie (BFH-Beschluss vom 20.11.2003, III B 44/03, BFH/NV 2004 S. 335). Zu den anerkannten Therapien gehören heute u.E. aber zum Beispiel die Homöopathie und Akupunktur.

Wenn die Schulmedizin nicht helfen kann, weil es keine wirksame Methode gibt, zum Beispiel bei multipler Sklerose, Aids oder Krebs, muss das Finanzamt die Aufwendungen für die alternative Behandlungsmethode anerkennen. In solchen Fällen ist die Krankheit als Ursache für die Aufwendungen eindeutig (BFH-Urteil vom 15.11.1999, III B 76/99, BFH/NV 2000 S. 697). Keine außergewöhnliche Belastung liegt bei selbst getragenen Aufwendungen für eine naturheilkundliche Krebsnachbehandlung vor, deren Bezahlung die Krankenkasse verweigert hat (BFH-Urteil vom 12.12.2002, III R 25/01, BStBl. 2003 II S. 299).

Impressum AGB Kontakt Mediadaten Datenschutz
Seitenanfang