Freitag, 22.09.2017

Mittelpunkt der gesamten beruflichen und betrieblichen Betätigung

Die Kosten Ihres häuslichen Arbeitszimmers werden in voller Höhe steuerlich anerkannt, wenn es der Mittelpunkt Ihrer gesamten beruflichen und betrieblichen Tätigkeit ist (§ 4 Abs. 5 Nr. 6b Satz 3 EStG). Als Tätigkeiten kommen alle infrage, die zu Einkünften führen (BFH-Beschluss vom 27.3.2009, VIII B 184/08, BFH/NV 2009 S. 1026). Diese Bedingung erfüllen etwa Heimarbeiter mit zum Beispiel Telearbeit, Telefontätigkeit oder Übersetzungen, die ausschließlich zu Hause arbeiten.

Üben Sie Ihren Beruf nicht nur im Arbeitszimmer, sondern auch teilweise außer Haus aus – z.B. als Außendienstmitarbeiter –, bildet das Arbeitszimmer nur dann Ihren Betätigungsmittelpunkt, wenn Sie dort die für Ihren Beruf wesentlichen und prägenden Tätigkeiten verrichten (BMF-Schreiben vom 3.4.2007, BStBl. 2007 I S. 442Rdnr. 8).

Maßgeblich ist also der inhaltliche (qualitative) Schwerpunkt Ihrer beruflichen/betrieblichen Betätigung, während der zeitliche (quantitative) Umfang der Nutzung des häuslichen Arbeitszimmers nur ein Indiz für den Mittelpunkt ist. Daher kann das häusliche Arbeitszimmer selbst dann (noch) Mittelpunkt einer beruflichen Betätigung sein, wenn die außerhäuslichen Tätigkeiten zeitlich überwiegen. Ob Sie Ihre Einnahmen überwiegend im Arbeitszimmer oder im Außendienst erwirtschaften, spielt bei der Ermittlung des Mittelpunkts keine Rolle (BFH-Urteil vom 26.6.2003, IV R 9/03, BStBl. 2004 II S. 50).

Hier einige Beispiele für steuerlich anerkannte Arbeitszimmer von Arbeitnehmern als Mittelpunkt:

  • Bei Arbeitnehmern, die aufgrund einer Vereinbarung mit ihrem Arbeitgeber mehr als die Hälfte der Arbeitszeit im häuslichen Arbeitszimmer tätig werden, wenn die im Arbeitszimmer und der Firma ausgeübten Tätigkeiten qualitativ gleichwertig sind. Das ist etwa der Fall, wenn an zwei Tagen in der Woche in der Firma und an drei Tagen zu Hause gearbeitet wird. Es spielt keine Rolle, wenn an den Tagen der Heimarbeit in der Firma hätte gearbeitet werden können (Verfügung der OFD Münster vom 21.3.2013 , Az. Kurzinfo ESt 6/2013).

  • Bei einem Versicherungsmathematiker, der wöchentlich qualitativ gleichwertig an zwei Tagen im Betrieb seines Arbeitgebers und an drei Tagen am häuslichen Telearbeitsplatz arbeitete (H 9.14 Telearbeitsplatz LStH 2015; BFH-Urteil vom 23.5.2006, VI R 21/03, BStBl. 2006 II S. 600).

  • Bei einem Gerichtsvollzieher (FG Nürnberg vom 26.10.2006, IV 83/2006 ).

  • Bei einem Ingenieur ohne Arbeitsplatz beim Arbeitgeber, dessen Tätigkeit durch die Erarbeitung komplexer Problemlösungen im häuslichen Arbeitszimmer geprägt war, auch wenn er zur Kundenbetreuung im Außendienst tätig war (BFH-Urteil vom 13.11.2002, VI R 28/02, BStBl. 2004 II S. 59).

  • Bei einem Versicherungsangestellten, der für seine Kunden betriebliche Altersversorgungskonzepte zu Hause ausarbeitete (BFH-Urteil vom 29.4.2003, VI R 34/01, BFH/NV 2004 S. 319).

  • Bei einem Fachjournalisten (Hessisches FG vom 8.9.2004, 8 K 1112/00, EFG 2005 S. 518).

  • Bei einem Kfz-Sachverständigen (BFH-Urteil vom 21.2.2003, VI R 84/02, BFH/NV 2003 S. 1042).

In diesen Fällen z.B. wurde das Arbeitszimmer nicht als Mittelpunkt anerkannt:

  • Bei Lehrern, da nach dem Gesamtbild der Verhältnisse für ihre Arbeit der Unterricht in der Schule prägend ist (BMF-Schreiben vom 3.4.2007, BStBl. 2007 I S. 442). Das gilt ebenso für Hochschullehrer (BFH-Urteil vom 27.10.2011, VI R 71/10, BStBl. 2012 II S. 234), auch während eines Forschungssemesters (BFH-Beschluss vom 16.6.2010, VI B 18/10, BFH/NV 2010 S. 1810) und für Ausbilder von Lehrern an einem Studienseminar (FG Köln vom 17.4.2013, 4 K 1778/10 ).

  • Bei Versicherungsmaklern, die ihre eigentliche Tätigkeit zu Hause nur vorbereiten und die wesentliche Leistung beim Kunden erbringen (FG Köln vom 26.6.2000, 10 K 965/00, EFG 2000 S. 1054).

  • Bei einem angestellten Handelsvertreter (FG München vom 15.11.2000, 10 K 3634/99, EFG 2001 S. 272).

  • Bei einem Unternehmensberater (BFH-Urteil vom 18.4.2012, X R 58/09, BFH/NV 2012 S. 1768).

  • Bei einem Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer mit externer Kanzlei (FG Düsseldorf vom 5.9.2012, 15 K 682/12 F, EFG 2012 S. 2270).

  • Bei einem Betriebsprüfer der Finanzverwaltung (FG Baden-Württemberg vom 21.1.2013, 9 K 2096/12, EFG 2013 S. 767).

  • Bei einem Berufsbetreuer (BFH-Beschluss vom 23.5.2013, VIII B 153/12, BFH/NV 2013 S. 1233),

  • Bei Ärzten, die im häuslichen Arbeitszimmer Gutachten über die Einstufung der Pflegebedürftigkeit erstellen, ihre Patienten aber ausschließlich außerhalb des Arbeitszimmers untersuchen (BFH-Urteil vom 23.1.2003, IV R 71/00, BStBl. 2004 II S. 43). Bei Arbeitsmedizinern hängt die Beurteilung vom Einzelfall ab, da deren Tätigkeit nicht identisch mit der normaler Ärzte ist (BFH-Urteil vom 7.2.2013, VIII R 8/10, BFH/NV 2013 S. 1096).

Nutzen Sie Ihr Arbeitszimmer für eine Berufsausbildung , muss das Arbeitszimmer analog ebenfalls Mittelpunkt Ihrer Ausbildung sein (z.B. Fernstudium). Die geschätzten anteiligen Arbeitszimmerkosten sind dann als Sonderausgaben bis zu 6.000,00 € pro Jahr absetzbar (BMF-Schreiben vom 3.4.2007, BStBl. 2007 I S. 442Rdnr. 16).

Bei einer Berufsfortbildung während der Erwerbslosigkeit sind die Arbeitszimmerkosten nur insoweit abziehbar, wie sie es bei Ausübung der angestrebten künftigen Tätigkeit wären (BFH-Urteil vom 2.12.2005, VI R 63/03, BStBl. 2006 II S. 329).

Wenn Sie mehreren Tätigkeiten nachgehen

Gehen Sie mehreren beruflichen und betrieblichen Tätigkeiten nach, lassen sich drei Fallgruppen unterscheiden (BMF-Schreiben vom 3.4.2007, BStBl. 2007 I S. 442Rdnr. 11):

  • Sind bei allen Tätigkeiten jeweils die im häuslichen Arbeitszimmer verrichteten Arbeiten wesentlich und prägend (qualitativer Schwerpunkt), so liegt dort auch der Mittelpunkt Ihrer Gesamttätigkeit.

  • Bilden hingegen die außerhäuslichen Tätigkeiten jeweils den qualitativen Schwerpunkt oder lässt sich Ihren einzelnen Tätigkeiten kein qualitativer Schwerpunkt zuordnen, kann das häusliche Arbeitszimmer nicht durch die Summe der in ihm verrichteten Arbeiten zum Mittelpunkt werden.

  • Bildet das häusliche Arbeitszimmer den qualitativen Mittelpunkt lediglich einer Einzeltätigkeit, nicht jedoch im Hinblick auf Ihre übrigen Tätigkeiten, so ist zu gewichten, ob die Gesamttätigkeit gleichwohl einen einzelnen qualitativen Schwerpunkt hat und ob dieser im Arbeitszimmer liegt.

Dem Mittelpunkt der Haupttätigkeit kommt dabei das größte Gewicht zu (BFH-Urteil vom 16.12.2004, IV R 19/03, BStBl. 2005 II S. 212). Liegt keine Vollzeitbeschäftigung vor, muss die Bestimmung der Haupttätigkeit anhand des den einzelnen Betätigungen nach der Verkehrsauffassung zukommenden Gewichts, der Höhe der jeweils erzielten Einnahmen sowie des auf die jeweilige Tätigkeit entfallenden Zeitaufwands erfolgen.

Ein Selbstständiger war im häuslichen Arbeitszimmer als Dialogbuchautor, Synchronsprecher und Synchronregisseur tätig. Im konkreten Fall lag der Mittelpunkt der Gesamttätigkeit außerhalb seines häuslichen Arbeitszimmers, weshalb dessen Kosten nicht in voller Höhe, sondern nur bis zu 1.250,00 € absetzbar waren (FG Berlin-Brandenburg vom 29.8.2013, 4 K 4262/10, EFG 2014 S. 25).

Bei Rentnern und Pensionären, die im Ruhestand im Arbeitszimmer einer häuslichen Nebenbeschäftigung nachgehen (z.B. beratende Tätigkeit, Hausverwaltung), liegt der Mittelpunkt der Nebentätigkeit bzw. einer nicht nur geringfügigen Vermögensverwaltung im häuslichen Arbeitszimmer (BFH-Urteil vom 11.11.2014, VIII R 3/12, BStBl. 2015 II S. 382). Damit sind die Renten und Pensionen nicht bei der Prüfung zu berücksichtigen, welche Einkunftserzielung ihren Mittelpunkt im häuslichen Arbeitszimmer hat. Denn dafür sind nur Einkünfte aus Tätigkeiten relevant, die im Jahr der Arbeitszimmernutzung ausgeübt wurden, nicht Einkünfte aus früheren Tätigkeiten, für die das Arbeitszimmer nicht erforderlich ist, so der BFH.

Ist Ihr Arbeitszimmer der Mittelpunkt Ihrer gesamten beruflichen und betrieblichen Betätigung und erzielen Sie mit der Arbeit im Arbeitszimmer unterschiedliche Einkünfte, müssen Sie die Arbeitszimmerkosten auf die einzelnen Einkunftsarten aufteilen. Aufzuteilen ist nach dem Umfang der zeitlichen Nutzung des Arbeitszimmers für die einzelnen Tätigkeiten. Ob im Schätzwege eine pauschale Aufteilung der Kosten möglich ist (etwa 50 % als Betriebsausgaben und 50 % als Werbungskosten), muss der BFH noch entscheiden (Az. VIII R 52/13).

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